Das humanitäre Jahr 2024 – zunehmende Krisen, abnehmende Unterstützung

Vorstandsmitglied

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Das Jahr 2024 war in humanitärer Hinsicht ein Jahr der Negativrekorde: Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden noch nie so viele bewaffnete Konflikte verzeichnet, die zudem oft katastrophale Folgen für die Zivilbevölkerung verursachten. Bereits im zwölften Jahr in Folge stieg die Zahl der weltweit Vertriebenen. 2024 erwies sich außerdem mit 365 getöteten Helfer_innen als das bislang tödlichste Jahr für humanitäres Personal.

In Krisengebieten wie Gaza, im Sudan oder in der Demokratischen Republik Kongo kam es zu eklatanten Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht. Bei der Bereitstellung lebensnotwendiger Hilfe stellten sich teils immense Herausforderungen. Obwohl die humanitären Bedarfe auch 2024 weltweit auf einem hohen Niveau blieben, deckten die bereitgestellten finanziellen Mittel am Ende des Jahres nur knapp 60 Prozent der benötigten Mittel.

Zu Besuch bei Bundesaußenministerin Annalena Baerbock: Unser Vorstandsvorsitzender Michael Herbst, Vorständin Anica Heinlein und unsere Geschäftsführerin Åsa Månsson sprachen mit der Ministerin über die steigenden humanitären Bedarfe und die Folgen der deutschen Kürzungspolitik. © VENRO

Auch aus Deutschland blieben die Mittel für humanitäre Hilfe deutlich hinter den Bedarfen und Erwartungen der Zivilgesellschaft zurück. Trotz der Rekordzahlen an Menschen in Not weltweit setzte die Bundesregierung 2024 beim Entwurf der Haushaltsmittel für humanitäre Finanzierungen den Rotstift an. Statt der bisherigen 2,7 Milliarden Euro sollten dem Auswärtigen Amt nur noch 1,7 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Daher lag ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit von VENRO im vergangenen Jahr darauf, die humanitären Mittel zu erhalten. Letztendlich wurde der Haushalt 2024 mit einem Sockelbetrag von 2,23 Milliarden Euro beschlossen. Unser Einsatz hat sich trotz eines spürbaren Einbruchs gelohnt.

Global betrachtet, zeigte der Krieg in Gaza die Grenzen humanitärer Unterstützung und Diplomatie auf. VENRO warnte wiederholt vor den tiefgreifenden und weitreichenden Auswirkungen auf das gesamte globale humanitäre System. Trotz des erheblichen Einsatzes der Bundesregierung bedeutete der Krieg eine extreme Ressourcenbelastung für humanitäre Akteur_innen mit teilweise sehr übersichtlichen Erfolgen: Humanitäres Völkerrecht wurde untergraben, ein humanitärer Zugang war über weite Phasen kaum möglich. Ende 2024 sprachen die Zahlen für sich: In Gaza herrschte einer der tödlichsten Konflikte des 21. Jahrhunderts – sowohl für die Zivilbevölkerung als auch für humanitäres Personal.

Angesichts dieser globalen Entwicklungen mit stetig zunehmenden Krisen – sowohl langjährigen als auch massiven humanitären Krisen – wurde die neue humanitäre Strategie des Auswärtigen Amtes von der Zivilgesellschaft mit Spannung erwartet. Diese Strategie, für die VENRO wiederholt Input geliefert hatte, machte vor allem zwei Dinge erneut deutlich: Zum einen werden für die darin formu-

lierten ambitionierten Ziele ausreichende und verlässliche Mittel benötigt. Aber mit dem Sparkurs, den die Bundesregierung für 2024 einläutete, werden diese breit angelegten Ziele der Strategie kaum erreicht werden können. Zum anderen besteht zunehmend die Gefahr, dass humanitäre Hilfe für (sicherheits-)politische Interessen der Bundesregierung eingesetzt wird. Dies widerspricht ganz klar einem prinzipientreuen und unabhängigen deutschen Engagement entlang des humanitären Bedarfes. Davor warnte VENRO wiederholt und öffentlich. Wie diese neue Strategie ab 2025 unter einer neuen Bundesregierung in die Realität übersetzt werden wird, wird sich zeigen: Wir werden uns auch weiterhin für eine starke, bedarfsgerechte und prinzipientreue deutsche Finanzierung einsetzen.

Anstelle einer adäquaten und bedarfsgerechten Finanzierung endete 2024 für entwicklungspolitische und humanitäre Akteur_innen wie es begonnen hatte: mit Haushaltsunsicherheit. Nach erneuten Budgetkürzungen und einer vorläufigen Haushaltsführung nach dem Koalitionsende im November 2024 forderte VENRO im Dezember die Erklärung einer Notlage, um humanitäre Hilfe verlässlich weiter zu finanzieren. Wir warnten, dass die Haushaltssituation Menschenleben gefährden würde, und appellierten an die Bundesregierung, dringend für Planungssicherheit zu sorgen – für Millionen von Menschen in Krisengebieten. Auch 2025 wird sich der Verband hierfür weiterhin entschlossen einsetzen.